Kassel/Berlin, 26./27.04.2013

Das "Haus" in Kassel erinnert mich an besetzte Ebensolche, in denen ich Ende der 90er mit Schlaue Zellen spielte. Aber vom Hass zerfressene Politpäpste trifft man hier heute Abend nicht, puh. Stefan, unser Betreuer, läßt eine CD von CHELSEA laufen (77er-Stoff ist der Blues unter den Punkmusiken) und ist überzeugt, daß es ein schöner Abend wird. Die Exil-Sizilianer von BLATOIDEA (Frisuren halten, die kleinen Lederjöppchen sind ordnungsgemäß beschriftet, jede Niete gewienert) bringen eine holländische Vorgruppe-in-der-Vorgruppe mit, so daß sich 2 Bands in 3 verwandeln. Ich frage Stefan, ob das Auswirkungen auf die Pennplatz-Logistik haben wird, weil ich nicht mit diesem kräftig gebauten Rockabilly-Mann in einem Bett schlafen will, der die ganze Zeit mit einer Jim-Beam-Pulle durch die Butze paradiert. Da brat' mir doch einer'n Storch. Warum nicht gleich sich eine brennende Zigarette vorn an die Gitarre klemmen wie Eric Clapton? Aber solche Codes sind wohl nur noch was für gerontoide Never-weres wie mich. Sie spielen ihre Shows, die einen auf der Bühne, die anderen davor, hinterher gibt's Umarmungen und gegenseitige Versicherungen, daß es ein "...great concert..." gewesen sei. Wir kriegen davon kaum was mit, weil wir backstage herumlungern und Chili Con Carne (mit Hack, nicht das Vegane) essen. Ob es Veganer gibt, die keine Vegetarier sind, frage ich Stulle. Er glaubt nicht. Unser Auftritt findet vor teils ganz anderem Publikum statt und ersäuft beinah in den mikrofonischen Feedbacks einer überdehnten P.A. Kaum sind wir fertig, kommen die Holländer vor die Bühne: "They want us to play again." Wer ist "they", außer euch selbst? Spielt es eine Rolle, daß wir damit gezwungen wären, Eurem Triumphzug beizuwohnen, weil ihr unsere Lautsprecher benutzt? Jedenfalls sollen wir mal schnell Platz machen. Stulle erklärt dem Bassisten, der sein Instrument schon umhängen hat und nervös mit den Hufen scharrt, daß wir jetzt erstmal unsere ganzen Kabel zusammenrollen und den Elektro-Klabaster einkoffern. Das hindert den jungen Mann nicht daran, schonmal seinen Verstärker auf die Bühne stellen zu wollen. Ich sage ihm, er soll verschwinden und uns in Ruhe abbauen lassen. Spätestens danach sind wir die großen Spielverderber. "The other band won't let us play", erzählen sie düpiert ihren männlichen Iro-Groupies. Ich lege mich mit dem Bassisten an. Er verlangt von mir, mit mir selbst Geschlechtsverkehr zu haben. Stulle und ich beschließen, jetzt auch unsere Boxen abzubauen. Damit haben wir ihnen den Auftritt endgültig vermasselt. Ich schlafe in Stefans Küche, halb unterm Tisch, auf einer Matratze mit freiem Blick auf die Waschmaschine. Als ich mich hinlege, singsangt in der Moschee nebenan einer zum Gebet.

 

 

Im Auto riecht's nach Furz, und schon sind wir in Berlin. Das "Cortina Bob" ist ein Club für konservative Punkrock-Spezialisten und unser Gig das ziemliche Gegenteil von dem am Vortag: Sauguter Sound auf und vor der Bühne. Am Ende werden an die 100 Zahlenden dagewesen sein, überwiegend Laufkundschaft, nicht das Stammpublikum, wie wir erfahren. Die andere Band macht sich einen Spaß daraus, AOR-Stücke von z.B. Bon Jovi zu spielen (inkl. Gniedel-Soli). Sie eröffnen ihr Set mit "Rockin' In The Free World" und nennen es "Penis In The Free World". Hinterher erzählt mir einer von ihnen, sie wären überzeugt, Neil Young hätte das eigentlich auch so machen wollen bla, bla, bla...Das ist mir mal so richtig die Sorte geschwätziger Nerd-Humor, unter dessen Berieselung ich ohne Mühe einen ganzen Abend lang keine Miene verziehe. An diesem Abend werden keine E-Mail-Adressen ausgetauscht. Wir übernachten in einer satanischen Metal-Spelunke mit Ofenheizung, stopfen ungesundes Zeug in uns rein und fahren wieder heim.

 

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