Frankfurt/Chemnitz, 30./31.05.2014

MEIN LEBEN MIT STULLE & JOCHEN [30. und 31. Mai]:

 

Der Logan hat keinen Sport-Auspuff mehr (Ersatzteil zu teuer), trotzdem sind wir in Nullkommanix in Frankfurt. Das Amüsierviertel von Alt-Sachsenhausen ist ein herrrrrrrrlich altstädtischer Prolettenpuff mit irisch Pups, Bayernkneipe, Einmeterbier und passendem Publikum zwischen trutschiger Dekolletée-Kreischtante und top gegeltem Aggro-Schnösel auf der Pirsch nach dem finalen Rettungsschuß. AUSGERECHNET HIER (denkt man), verteilt auf den "Ponyhof" und den "Elfer Music Club", sollen wir heute auf dem "Elf Ponys Festival" spielen, als vorletztes Pony im "Elfer" (Ich wäre ja lieber im "Ponyhof" aufgetreten, wegen des Namens. Und dann hätte ich immer gesagt: "Das hier ist nicht das Leben.")... Draußen bestes Wetter, der Backstageraum ein nahezu beleuchtungsfreies Loch und fast ständig voller Menschen. 11 Bands mit Anhang, der sich durchfrißt und -schluckt. Natürlich hängt spätestens ab der ersten Combo der Zeitplan dem Leben hinterher, und bevor ich das erste Kabel irgendwo reingesteckt habe, sagt der Mischer schon, es KÖNNNTE SEEEIIN, dass wir VIELLLEEEIIICHT EEIINN ODER ZWEIII Stücke weniger spielen müssen. Kein Problem, man ist ja keine Achtundzwanzig mehr und der Meinung, daß der Welt (und einem selber) echt was entgeht, wenn man mal nicht "Fertig" oder "Hobby: Bonbon" bringt. Der Gig ist dann mehr so'n seelenloses Abliefern wie aufem Fließband, trotz guter Resonanz. Danach wieder zurück ins Backstage-Loch...alles etwas lieblos hier...
"Wegen Euch hab ich mich extra auf die Gästeliste setzen lassen", ist ein Satz, über den ich nochmal nachdenken muß; würde allerdings auch keine 17 Kracher für diesen Slot ausgeben...lieber 8x so viel für Dylan oder sowas...Jemand verspricht, uns irgendwann mal zu buchen, wo es besser paßt, und dann würde er vegan FÜR ALLE kochen, weil er es haßt, Menschen zu trennen. Ich finde das gut. "Wo seid ihr morgen"? - "Chemnitz." Was folgt, sind baß erschütterte Aussagen über Häuser in Chemnitz, wo man wegen der Löcher im Dach den Himmel sehen kann. Ich kann mir nicht helfen, aber erinnert mich total an das Gegreine meiner Elterngeneration über die ÖNTSÖTZLICHEN Zustände in der DDR. "Darfste auch keine Ossi-Witze machen, sowas von humorlos sind die da..." - ja, die Humorlosigkeit der Menschen, auf deren Kosten es geht, die hat uns schon so manchen Lacher geraubt. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, wie es morgen in Chemnitz sein wird...Eine andere Band soll überm Club bei "Nanna", der zuständigen Betreuerin, pennen. Zuerst sind sie ganz froh, nicht im Backstage auf dem Beton verwesen zu müssen...Als wir, nachdem Unstimmigkeiten wegen der Gage geklärt sind, abfahren, kommen sie gerade wie runter, mit ihren Isomatten unterm Arm und meinen, hier wär's doch besser als bei "Nanna"...Wir schraddeln ins 80 Kilometer entfernte Grünberg. Da hat die Katze gerade Junge gekriegt. Überall Katzenklos. Meine Horrorfantasie, daß jetzt die ganze Nacht furchtbar niedliche Katzenbabies auf mir rumtrippeln, bestätigt sich nicht, denn unsere Gastgeber nehmen die lieben Kleinen mit auf ihre Buden.

 

Der Morgen danach fühlt sich nicht nach Frühstück an, also schleichen wir uns aus dem Haus, ziehen uns bei "Rewe" paar Brötchen rein und dampfen ab nach Chemnitz. Das "Weltecho" ist ein mehrstöckiger Club, der heute Siebenjähriges feiert. Aufem upper floor Elektro, im Erdgeschoß wir. Läßt sich alles super an: Nette Leute, geile Bühne, super Sound, Chili Con Carne und HOTELÜBERNACHTUNG! Ich drehe ein Video, in dem ich behaupte, dies wäre unser Karrierehöhepunkt, und besser würd's nicht werden. Wird's auch nicht. Unser Konzert verpufft in einer Wolke aus...ja...aus WAS eigentlich? Während "Leb so..." fühle ich mich von ein paar siebzehnjährigen Tussis angekuckt wie eine Kuriosität aus dem Zoo. Stulle hatte die wenigen Dagebliebenen vorher noch gewarnt, daß, wer von diesem Stück nicht mitgenommen würde, verloren wäre, aber es nützt alles nichts. Wir ziehen jedes Register von Witzereißen bis moderater Publikumsanmache ("Seid ihr irgendwie alle bekifft oder so?"), aber...nichts...leere Landschaften...klatsch, klatsch, Stille...und "Ich geh den Berg hoch" als Zugabe, die erstaunlicherweise stark verlangt wird...komisch...Ich geh' erstmal raus und gerate in folgendes Gespräch:

 

"Also, Euer Name in Kombination mit Eurem Aussehen, DAS FAND ICH ECHT SUPER!"

 

Ich: " Was genau meinst Du mit Aussehen?"

 

"Naja, wie ihr halt ausseht, äh...UND DAS MEINE ICH ECHT ERNST."

 

Ich: "Naja, wenn du das nichtmal Ernst meinen würdest, wär's ja auch richtig für den Arsch, oder?"

 

"Dieses Stück...Leb so...Das ist ja sehr Tocotronic-beeinflußt, oder?"

 

Ich: "Nee, gar nicht. Das ist musikalisch von so 'ner Band aus Brighton beeinflußt, Electrelane, kennst Du die?"

 

"Nee, tut mir Leid, aber das finde ich echt gut, so mit dem Elektronischen und so. Aber DAS [deutet auf Einen, der neben uns steht] IST DER BASSIST VON KRAFTKLUB..."

 

Ich: "Echt...wow."

 

"...UND DER FAND DAS DANACH BESSER!"

 

Ich: "Ja, da kannst du mal sehen..."

 

Bassist von Kraftklub: "Nun laß doch mal den Mann in Ruhe. Der Mann schwitzt. Laß den sich doch erstmal abtrocknen."

 

Oh Mann, was für eine Scheiße. CASPER soll angeblich auch dagewesen sein. Und MC FITTI, der am Nachmittag gegenüber von unserem Hotel vor dem Denkmal des berühmten Philosophen Dr. Karl Marx ein Konzert gegeben hat. Ist es ein Fehler, wenn einem sowas am Arsch vorbeigeht? Nein, ich weiß, daß es kein Fehler ist, natürlich ist es kein Fehler, aber an manchen Abenden hast du das Gefühl, je authentischer du dich verhältst, desto danebener scheinst du zu liegen. Es paßt einfach nicht immer. Das Gefühl, die beste Band des Abends gewesen und ansonsten von lauter dresscodierten Epigonen ohne eine einzige eigene Idee umgeben zu sein, ist ja ganz OK, aber man muß auch aufpassen, daß man nicht anfängt zu denken, mit der Jugend von heute wär' nix mehr los. Ich bin irgendwie angefressen. Als sich Einer zu uns an den Tisch setzt und erstmal fragt, ob er jetzt nervt, antworte ich: "Naja, noch geht's." und bin geneigt, mich von meiner Krawalligkeit mitnehmen zu lassen, aber dann entwickelt sich ein echt angenehmes Gespräch mit DEM EINEN INTERESSIERTEN FAN, der dann doch da war. Danach ab zum Hotel.
Stulle und Jochen wettbewerben sich durch sämtliche Schnarchkunststücke, die sie draufhaben. Jochen gewinnt und wird dafür von einem kurz aufgewachten Stulle und mir mit Kissen beworfen. Den Rest der Nacht liege ich meistens wach. Morgens nachem Frühstücksbüffee noch schnell 1 Gruppenfoto vor Dr. Marxens imposantem Schädel, dann 8,5 Stunden von Stau zu Stau nach Hause.

 

P.S.: Die "Night Time" von KILLING JOKE ist eine echt gute Platte!

 

 

 

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