Münster, 30.10.2015

Weltenwechsel ist ein Thema. Eben noch im Stuhlkreis der WG-Supervision, jetzt schon beckenbegurtet in Matthias Kochs Schrottmühle auf dem Weg nach Münster. Musikmachen ist so insular geworden. Wie soll man Punklieder z.B. übers Touren schreiben, wenn man die meiste Zeit zu Hause ist und die punkigsten Momente darin bestehen, daß man dem Nazi-Handwerkergesellen auf dem Nachbargrundstück mit seiner Flex gern mal die Frisur richten würde? Warum erlebe ich die ganzen Boogies nicht als Reichtum, sondern als konkurrierende Instanzen? Andere verblöden zu Helene Hitler, ich kann losfahren, weil die Liebste mich gewähren läßt, sich mit den Zwillingen allein die Nächte um die Ohren haut und weil wir schöne Auftritte MACHEN KÖNNEN. Nicht so wie der Muckerfraddel aus der Ü-Butze next door, der angeblich schon die Schlösser austauschen lassen wollte, weil wir nie das Klo putzen. Nehm' ich jedenfalls mal an. Aller, Klo putzen!? Wir haben keine ZEIT für sowas, wir müssen auf TOUR!

Alle einen aufgesackt, im Bus mischen sich Hust- und Rotzgeräusche unters Motorengeräusch, den in stark variierender Lautstärke und Soundqualität kompilierten Indierock, durch den sich Matze zappt und das harsche Fauchen der Bremse hinten links, die unter der Massenträgheit unseres Gelumpes und geschätzter 2,5 Tonnen Mörtsch vorzeitig Rente einreicht.

Münster, Gleis 22: Soundcheck, Soundcheck, Soundcheck (3 Bands), vegane Pizza mit den omnipräsenten Auberginen und Käseschmilz-Mimikry, abwarten, Tee trinken, gegen 22:00 Uhr troglodytisch auf der Bühne herumwabern und sich häuslich einrichten. DANN allerdings kommt alles zusammen: Die Crowd füllt den Raum bis an den Tresen, hat von Anfang an Bock, der Sound ist gut, und wir sind es auch. So wird ziemlich unerwartet einer unserer besten Auftritte draus. Pogo bei "Leb so" und dieser Typ, der aussieht wie das Ergebnis eines Tete-á-Tetes zwischen Mike Krüger und Oli Krahe: Stehtorkelt den ganzen Gig über vor Jochens Ecke und ist so hacke, daß er nur noch Lautkaskaden aus freundlicher Gutturalität absondern kann. ÖWÖÖDNSÖBRÖBLDNSUBÄALDE'! Applausnuttens Paradise.

Während DIE BULLEN der "...Arbeiterklasse..." drastisch verdeutlichen, daß am Arsch der Hammer hängt, sammele ich im nur via Bühne zugänglichen Backstage die Kleinteile zusammen. Wie das wohl ist, sich von ölenden Männern in Pipi-Langstrumpf-Schörts als Fotze bezeichnen zu lassen? Is' ja alles nur SPASS, aber auf 'ner Erster-Mai-Demo oder so würden die sich das bestimmt nicht trauen. Ich Pflänzchen im Körper eines Baumes trau' mich das nicht mal hier.

Hinterher verlegenheitserzeugende Fangespräche und gute Ratschläge bzgl. zukünftigen Materials: Es müsse mehr so sssst-NACH OBEN gehen, nicht mehr so poppig, mehr Pank und so sssst-nach oben eben. Joy Boy von den Bullen hingegen kauft sich seine "Biellmann-Pirouette" wg. "Dem Teufel Geld", und das ist ja eher so wwwwt-horizontparallel. Naja, ne? So gehen die Geschmäcker auseinander. Danach ins "Hotel Europa", schön Ratzenberg & Schnurchelheimer. Nächsten Morgen Frühstück mit den Bullen: Austausch über Taubenmischer vs. Taubensortierer, Vorfreude auf die Frikadellenernte aMarco Kockcks Weintraube-auf-Metthügelchen-Bonsai, was man halt so redet...Baumann furzt und geht duschen. Wir laden ein und headen bremsparanoid für Hamburg.

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