Kiel, 11.12.2015

Ausverkaufte Schaubude. 170 Leute ham se reingelassen, erzählt mir Julius, unser heutiger Bezugsbetreuer, nach dem Konzert. Und trotzdem wär's ja nicht gewesen wie in einer Sardinenbüchse, oder (bzw. wie im Logan, wenn wir zu dritt unterwegs sind)? Nö, stimmt. Liegt, erklärt Julius, daran, daß zu uns eher gertenschlanke Veganer kommen. Bei Metal und Rockabilly z.B. wäre das anders, viel mehr Schränke im Publikum. Leuchtet mir auf Anhieb ein. Tatsächlich waren heute Abend Menschen und Männer von meiner Statur (oder der unseres Zweitlabelbosses Jan von Lobeck) in der Minderheit. Kann man mal sehen. Nach Dekaden dezidierter nightlife-experience lernt man immer nochma was dazu...

Eben noch mit DJ PATEX über Kraftwerk-im-CCH geplaudert und darin übereingekommen, daß ein Musical der nächste logische Schritt wäre (vielleicht was mit einem Roboter, der gern ein Mensch wäre...), schon steht sie mit KNARF RELLÖM auf der Bühne. Sehr schöner Auftritt, als Vorprogramm für uns kann ich mir kaum was Besseres vorstellen. Über eine laszive Laptop-Rumba macht er eigentlich nicht viel mehr als die Ü-X-Party-kompatiblen Phrasen gewisser Formatradiosender zu zitieren. Er trägt dabei einen mit Pailletten behängten, in einem Schlangenkopf auslaufenden Doppelreif auf dem Kopf, OK, aber er macht erstmal nicht viel mehr als eben DAS: Die besten Hits der 60er, 70er, 80er und 90er. Aber auch der Nuller und der 20er und der 40er - "SCHEISSEGAL, ES IST EINFACH NUR MUSIK!" Wort! Nieder mit RSH! Ick fühl' mir aus der Seele jesprochen, wa? Später zitiert er S.Y.P.H.s "Bauer Im Parkdeck"; zu finden auf der CD-Version von "Harbeitslose" [1982], einem der wenigen Alben der letzten 250 Jahre, zu dem Matthias Koch keine Anekdote einfällt. Dekontextualisierung, Neukontextualisierung, big Pläsierung! Danke, Knarf!

 

Selbst solche abgebrühten Nestoren des subkulturellen Showbiz fühlen sich gehemmt beim Heimspiel, wie ich irgendwann im Laufe des Abends erfahre. Auftreten vor Leuten, die man kennt, am besten noch vor Vielen davon - da bleibt die Handbremse immer einen Rest angezogen. Und in, öhöm, technischer Hinsicht ist in der Schaubude sowieso immer der Wurm drin, also bei uns: Heute Abend sind es irgendwelche unanhörlichen KNACK!geräusche, die aus dem Sequenzer-und-Billigdiscman-Gelöte zu kommen scheinen. Bei uns im Ü-Raum und auf den sonstigen Landesbühnen waren die nie zugegen, heute werden sie geboren. Oder recken erstmalig ihr häßliches Haupt. Shit the wall on. Da spielt sich's gleich noch doller wie auf Eiern. Aber die kollektive Liebe unserer Freunde, sonstig Verlinkten, Gesichtsbekannten und dieser Handvoll Typen, die allen Ernstes aus EISENHÜTTENSTADT angereist sind, um uns zu sehen, trägt uns durch die Minuten, bis am Ende, bei "Leb so daß es alle wissen wollen", der Hymne einer Exazerbation, der Pit einmal kräftig aufkocht. Danach müssen wir mal wieder sehen, daß wir unseren Müll von der Bühne kriegen, damit die DJs von Revolverheld aufbauen können. Man ist immer nur ein Glied in der endlosen Extravaganzkette.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0