Berlin, 31.03./01.04.2016

Das "Badehaus Szimpla" in Friedrichshein ist nur einer von vielen flamboyant zurechtgemachten Clubs auf dem RAW-Gelände. Ein Themenpark für's nächtliche Amüsemang. Nicht mal Berliner Bands lassen hier nachts ihren Plunder stehen, erklärt mir Simon, der die Sause heute veranstaltet und schon im Vorfeld davon abriet, sich "...antanzen..." zu lassen. Als wir gegen halb 5 antanzen, ist noch nix los. BLACK HEINO, mit denen wir zusammen spielen werden, sind aber schon da. Guten Tag sagen, einmal durch die Räume laufen, Ausscheiden, Pfoten waschen, Aufbauen, Soundcheck, Interview: Unabgesprochen voneinander verraten Gäde & ich dem freundlichen Blogger und seinem Fotografen, daß wir BEIDE gerade an topical lyrics arbeiten, bisher aber noch nichts zustande bekommen haben. Wir würden gern etwas politischer werden, wissen aber nicht, wie.

Über 50 Karten im Vorverkauf weg und eine erkleckliche Anzahl Interessensbekundungen auf Facebook. Müßte eigentlich rumsen heute. Black Heino spielen ihren knackigen Sixties-Sound mit Peter-Hein-informiertem Gesang bereits vor bestens gefülltem Haus und sind optisch bis runter auf die Detailebene Musterknaben in Sachen Stil. Da schätze ich mich glücklich, daß Diego (Gesang, Gitarre) meine Brille mag. Er weiß sogar, wie das Modell heißt, ich natürlich nur, daß sie von Ray-Ban ist und eine Michael-Douglas-in-"Falling-Down"-Brille. Guter Film!

Bei uns wird's nochmal etwas voller, und es rumst tatsächlich. Schon bevor wir anfangen, rumst es irgendwie, denn da liegt so eine freudige Anspannung in der Luft, als wären die alle hergekommen, um uns zu sehen. Wir starten endlich mal wieder mit "Das sind auch so Existenzen", es geht gleich gut los, und von da an steigert sich die Chose bis zum Schluß. Notorisch underrehearsed, wie wir nunmal sind, erwischen wir eine top Welle und gewinnen dank des herzlichen Empfangs, der uns durch die anwesenden Hundertpaarundsiebzig zuteil wird, schnell die nötige Sicherheit, um aus uns rausgehen zu können. Wir schauen in die grimassierenden Gesichter inbrünstig mitsingender junger Männer, beobachten den immer mal wieder aufköchelnden Pogo-Mob im vorderen Drittel des Saals und freuen uns über den ersten aktenkundigen Crowdsurfer unserer Karriere. WiegeilsindWIRdenn!? Am Ende reicht die Setliste nicht aus, und wir spielen eine ziemlich zerschossene Version von „HalloLebenAus“. Monate lang nicht geübt, den Riemen. Aber Berlin trägt uns da durch und kauft uns alles ab. Ich kann sogar halbdelirant und nur so zirka sinngemäß wirres Zeug zitieren, das ich auf der Hinfahrt im „Rolling Stone“ gelesen habe und bekomme dafür verständnisvollen Applaus. Tolles Gefühl! Auf der Bühne läßt sich das leichter verarbeiten als in den zahlreichen 4-Augen-Sequenzen nach dem Konzert. Da weiß ich dann vor Verlegenheit bald wieder nicht mehr, was ich antworten soll und reproduziere die gleichen 4-5 Halbsätze, zwar ernstgemeint aber irgendwie auch’n bißchen steif. Hinterher immer die Angst, für arrogant, desinteressiert und undankbar gehalten zu werden.

In den ganz frühen Morgenstunden sitzen wir neben unserem Hostel in der Warschauer Straße, Essen, Matze Halloumi, Jochen veggie, Stulle und ich Enty. Hinter uns ragt das Führerhauptquartier von Universal Music fluoreszierend in den Berliner Nachthimmel. „Die größte Plattenfirma der Welt“, murmelt Matze ehrfürchtig. Auf der Hinfahrt hatte er sich in die Fantasie reingesteigert, daß Wolle Niedecken bei Tocotronic singt bzw. bei Disco Maxim: „…verleevt in Kölle, HAAHAHAHAHAAHAAHA! – Tut mir Leid, ich muß mich für diesen Witz gerade mal selber abfeiern.“ – brüllt also am lautesten über seine eigenen Jokes. Die meisten Leute machen sich zum Ernst-August auf diese Weise, Matze Koch nicht. Auf der Rücktour sagt er am Ende eines Austausches über Ernährungsgewohnheiten einen Satz, der mir nicht mehr aus dem Kopf will: „Man kann auch dick und rund werden, ohne tote Proteine zu fressen.“ Guter Mann.

Und wieder raus aus Berlin. Zwischen zwei Tippern auf dem Touchscreen erhasche ich links den Fernsehturm. Meine Güte, Berlin. Hier zu leben würde bei mir wahrscheinlich in chronisches Rückenmarkskribbeln einmünden. Die grobkörnige Diashow in meinem Kopf rappelt wieder los, ich denke „Lothar Loewe“, und alle Tagesschauen meiner 70er-Kindheit flitzen über die Leinwand in meinem Gehirn. Man spürt DIE ZEIT AN SICH. Und die eigene Zeit, vor allem die Vergangene. 47 werde ich dieses Jahr. KEINER hat gestern Abend gemerkt, wie sehr mich mein hartnäckig schmerzender Tennisarm gepiesackt hat. Aber ich muß mich da hinterklemmen. Ohne Weiteres geht das nicht weg. Sonst bin ich bald ein Fall für den Hobbymusiker-Gnadenhof.

Ansonsten haben wir, wie immer, wenn Jungs on the road sind, viel über Bands geredet; hier eine Liste, die Ihr ggf. ergänzen könnt…Jochen, Matze…

Descendents, Replacements, Paul Westerberg, Hüsker Dü, Grant Hart, Blumfeld, Jochen Distelmeyer, Tocotronic, Alte Sau, Dackelblut, Blumen am Arsch der Hölle, Angeschissen, Jens Rachut, Fehlfarben, Die Heiterkeit, Neil Young, Kiss, Peter Cornelius, Wanda, Dusted, Warehouse, Grand Griffon, Disco Maxim, Annen May Kantereit, Dag Nasty, Tom Waits, Rio Reiser, Wipers, Bob Dylan, David Bowie, Ferryboat Bill, Velvet Underground, Gun Club, Bap, Wolfgang Niedecken, Bläck Fööss, Klaus Lage, Frankie Goes To Hollywood, Gang Of Four, The Clash, Sex Pistols, Galaxie 500, AC/DC, Axl Rose, Yo La Tengo, Yvonne Ducksworth, Dakota Suite, Knarf Rellöm, Randy Newman, Thees Uhlmann, Placebo, Beck, Foo Fighters, Muse, Guano Apes, Limp Bizkit, blink-182, Minutemen, Firehose, The Who, Journey, Slade, T.Rex, Hank Williams, Johnny Cash, Wilco, Sonic Youth, NoMeansNo, Helene Fischer, Puhdys, Frei.Wild, Hannes Wader, Die Toten Hosen, Farin Urlaub, Beatsteaks, Agent Orange, Blur, Gorillaz, The Good The Bad & The Queen, Radiohead, Thom Yorke, Sven Regener, Element Of Crime, Boney M., Frank Farian, The Melodians, Paul McCartney, Kanye West, Michael Rother, Tortoise, Iggy Pop, Kraftwerk, Messer, Prince, Graue Zellen, Restmensch, Slint, Soundtrack Of Our Lives, Union Carbide Productions, Nico, Marcus Wiebusch, Kettcar, Human Abfall, Die Säulen des Kosmos..

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