Ellerdorf, 04.06.2016

Endlich mal wieder auf'm Wilwarin! Letztes Mal, als ich in der Klapse war, mußten sie 2 gestandene Musiker shanghaien, um mich zu ersetzen. Wir reisen getrennt an, einerseits weil Urlaubszeit is, andererseits, weil wir uns nach 10 Jahren on the road phasenweise nicht mehr ausstehen können; Gäde und ich als Erste, Ausladen, Rumlungern und Beef mit 2 Fungirls haben, die die harten Strahlen ihrer Waterpumpguns gezielt auf den Genitalbereich richten, so daß es aussieht, als ob, haha, genau. Eigentlich ja wirklich ganz gäckig, aber lustige Zwangseingemeindung war noch nie total unser Boogie. Ich muß außerdem sofort an diesen einen Ostzonen-Vorbilddeutschen denken, dessen Bild um die Welt ging, Hitlergruß und Pisseschatten, aber solche Assoziationen werden hier, wie schön, kontextuell im Keim erstickt, stante pede. Stulle rumpelt seinen blauen Logan (KZIMALPP uses & endorses Dacia), den er sich so gerade eben von den Tantiemen der Bullen-Splitsingle abgeknappst hat, erst kurz vor unserem Auftritt über die staubigen Wirtschaftswege im Rektalbereich der Scheunenbühne, auf der in früheren Zeiten bekanntlich das Ellerdorfer Waldfest stieg.


Zu diesem Zeitpunkt flanieren Jochen und unser Manager Matthias Koch bereits selig untergehakt über die Festwiese, weil sie sich offiziell mit Dave Smalley bekumpelt haben, initiiert durch Gädes strategisch geschickt aus dem Wäschepuff gegrabenes ALL-Leibchen ("Hey man, nice shirt!"). Matze hat Smalley dann erstmal auseinanderklamüsert, was einige seiner Facebook-Freunde für Typen sind und für die Zukunft einen Job als Tourpromoter quasi schonmal angesät. Was ich außerdem lerne an diesem Abend: Vor Jahren habe Dave Smalley (Ex-All, Ex-Dag-Nasty) sich mal auf sehr amerikanische Art ungeil geäußert, "...irgendso'n Redneck-Scheiß...", aber was genau, weiß Matze Koch ausnahmsweise nicht mehr. Er hat Smalley aber erklärt, daß er das nicht gut fand, damals. Ach ja, und Jens Rachut, der heute mit ALTE SAU da ist und nach uns auftreten wird, ham se auch getroffen und sich gegenseitig versichert, daß sie sich kennen. Ich habe in der Zwischenzeit einen Teleskopstapler fotografiert (Seit mein Sohn seine Leidenschaft für Nutzfahrzeuge entdeckt hat, bin ich firm mit den Fachtermini), mich mit Zarc Harkonnen aufs Herzlichste über die Freuden des Spagats zwischen den Lebenssegmenten "Semiprofessioneller Freizeit-Musikant" und "Family Man" ausgetauscht, und wir sind eigentlich in Allem einer Meinung. War überfällig. Ich kenn' diesen Haudegen und seinen Bruder Eric Harkonnen, beide unkorrumpierbare Beherrscher ihrer Instrumente, seit 25 Jahren, und es ist immer wieder eine Freude, sie zu sehen. Leider finden unsere Konzerte parallel statt, und aus der theoretisch guten Idee, sich gegenseitig für einen Song auf der Bühne zu besuchen, wird natürlich nichts werden. Noch ahne ich nicht, daß es in gewisser Hinsicht gut laufen soll für mich, heute Abend...


Während des Aufbauens, mit einer die Peitsche schwingenden und Mickymäuse tragenden Stagehand im Nacken, fällt mir auf, daß ich mein Streßbrett im Ü-Raum gelassen habe. Heiliger Strohsack. Ich überschlage die Setliste im Kopf und prognostiziere, daß es wohl auch so gehen wird. Nachher, beim Konzert, fällt mir auf, daß ich den Quatsch eigentlich kaum benutze; na gut, das Tremolo bei "Gebumst" und zwischendurch ma mit dem Delay HUUUIIIIIIII! machen, aber sonst? Der Feuervogel hält die Stimmung (im Gegensatz zu seinem Besitzer), also doch perspektivisch Kabel-rein-und-ab-die-Geige? Nö, 30% meiner Vorfreude sind über'n Nord-Ostsee-Kanal. Infolge des üblichen Sklaventreiber-Soundchecks verbiestert reißen wir im feedbackenden Krachgarten des beschissensten Bühnensounds aller Zeiten unsere 45 Minuten ab, einzig und allein getragen von der kollektiven Zuneigung einer willigen Meute. Die größte Diskrepanz zwischen "Drinnen" und "Draußen", die mir je widerfuhr. Danke, Leute, IHR habt es zu dem gemacht, was es war. Aber WIR ja irgendwie auch...Watt denn nu? Ich weiß es nicht. Zusammenräumen im Backstage-Wäldchen, ich lasse der nach uns aufspielenden, Zöpfe und Hut tragenden Bluegrass-Combo meine Kneifzange zum Saitenwechseln da. Bei Jochen und Matze flitzen die Merch-Artikel unterm Scanner durch, und Stulle muß GENAU JETZT dienstlich nach Oberhausen, um dort einem seiner Schützlinge beim Geburtstagfeiern zu helfen. Der sitzt morgen mit Papierhut auf dem Kopf auf dem Balkon um eine Torte rum und ist erst Montag wieder da. Surreal. Heftiger Typ.
Ewig nicht auf'm Festival gewesen; erstmal adaptieren. ALTE SAU gehen mir nach 1,5 Stücken auf den Keks, ich kuck mir mal den Slot an und ende am just angefachten Lagerfeuer. Die Reizüberflutung läßt nach, allmählich komme ich hier an.


DAVE SMALLEY und sein korkenziehergelockter Kollege Pablo sind fast so gut wie das in-depth-Gespräch, daß ich bis dahin mit John Jet geführt habe, meinem Graue-Zellen-Freund-und-Kupferstecher, meiner politischen Leitfigur aus alten und irgendwie doch nicht so schlechten Tagen über der Hohen Straße in Rendsburg. Smalleys metallicblaue LesPaul und Pablos Westerngitarre, auf der er einen formidablen Leadjob erledigt, das funktioniert erstaunlich gut. Zwar waren mir ALL und DESCENDENTS und solche Bands irgendwann immer zu wenig depressiv, aber gegen einen guten Song habe ich noch nie was einzuwenden gehabt. Ich kann außerdem was anfangen mit alten Säcken, die eine Geschichte haben und mir mit der Credibility ihrer mehr oder weniger ausgeprägten Abgewohntheit erzählen, ich solle jeden Tag so leben, als wäre es mein Letzter. Das Proclaimers-Cover "I'm Gonna Be (500 Miles)" gefällt mir am besten. Gäde erlebe ich nach dieser gelungenen Show für seine Verhältnisse geradezu euphorisiert, Matze Koch schielt vor Glück.


Und dann setzt die glückliche Fügung, daß die mächtigen VLADIMIR HARKONNEN für die unpäßlichen VÖGEL DIE ERDE ESSEN einspringen, einem zwischenmenschlich schon mehr als üppigen Abend die Billing-Krone auf. "Wer vorhin bei La Paloma war, der hat das rrichtich gemacht!" grunzt Philipp Wolter, und dem kann ich nur beipflichten! Ich war ja auch bei La Paloma, höhö. Plötzlich steht John hinter mir, der's noch nie recht hatte mit Metal (Später lege ich ihm Frank Schäfers "111 Gründe Heavy Metal zu lieben" ans Herz) und den mein am Lagerfeuer gemachtes Bekenntnis, da wieder dran zu sein (wenn auch eher an den zähen Mehlschwitze-Spielarten des Genres), moderat erstaunte. "SO macht mir Metal Spaß!" brüllt er mir ins Ohr. "Für den Erhalt autonomer Zentren!" röhrt Phil, und ich sag zu John: "Ey, der hätte auch von dir sein können, früher!" Wir feiern diese Funken sprühende Kurzstreckenrakete von einem Auftritt ab, wie wir früher Sachen abfeierten, die's wert zu sein schienen und lachen uns kaputt über Wolters Sternstunden der Ansagenkunst; z.B., daß er nach lobenden Worten über die stilistische Vielfalt und das harmonische Miteinander der musical tribes auf dem Wilwarin, kühn metaphert: "VIELLEICHT IS DER MENSCH DEM MENSCHEN JA GAR KEIN WOLF SONDERN, öh, 'NE KATZE ODER SO..." Und dann ist da dieser eine, sehr besoffene Kurzbehoste, der Gäde bei Dave Smalley schon innig auf den Mund küsste (worauf ich ihm den bei unserem Gig auf die Bühne geworfenen Teddy zum Abwischen reichte) und der jetzt Philipp Wolter herzhaft wühlend berüh-, nein: ANFASST, wann immer sich die Gelegenheit findet. Bald ist der Moment wieder da, wo Wolter es, jetzt mit ersten Anflügen von Ratlosigkeit, über sich ergehen läßt und schließlich kommentiert: "Bist eher so der haptische Typ, ne? So'n SÄNGERANFASSTYP..." - worauf die jederzeit feuerbereite Band sich in ihr nächstes Stück stürzt. Die Power und die feist Grimassen ziehende Unmittelbarkeit sind überwältigend. Sehr geil auch die beiden Gitarristen mit ihren schwarzweißen Flying Vs (Der Neue eine von Epiphone, Zarc natürlich 'ne Gibson). Und Es-gibt-nur-einen-Erich-Ulrich, der auch im über-500-bpm-Bereich das Metrum hält wie eine alte Uhr auf Speed. Geile Typen, alle! Eine von der ersten Sekunde an überzeugende Kombination als altem Thrash, altem HC einer glasklar vertretenen politischen Haltung und...SPASS! Und sie covern "Schweineherbst". John Jet steht neben mir, wir grölen mit, da vorne steht Zarc in seinem Poison-Idea-T-Shirt, und ein alter, meinerseits fast schon aufgegebener Kreis schließt sich. Das ist so schön, daß ich am nächten Morgen Tränen in den Augen habe.

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