Bern/Freiburg, 21.-23.04.2016

Mitten ins Aufbauen im Berner "Rössli" platzt die Nachricht, daß Prince tot ist. Augenblicklich kommt mir die Welt vor wie durch die Kamerakind-Kamera bei Michael Schanze betrachtet: Irgendwie nicht richtig, irgendwie wackelig, und um alles spannt sich ein lila Rahmen. Den Rest dieses Tour-Beins habe ich keinen Gedanken mehr an AC/DC verschwendet, statt dessen die "Purple Rain"-Akkordfolge aus dem Gedächtnis gekramt und sie am nächsten Tag in Freiburg vor "60 Watt Sonne" geklemmt. Mitten im Gig kam eine junge Frau, mit Matthias Koch als Verstärkung im Schlepptau, an die Bühne und sagte "Freiburg möchte ein Prince-Cover" - habe ich natürlich dankend abgelehnt, da hätte ich mich ja komplett zum Löffel gemacht. Im Gegensatz zu Bruce Springsteen, dessen internetkundiges Purple-Rain-Cover klingt, als hätte er nie was Anderes gemacht, als "Purple Rain" zu spielen. Ob er sich dabei wohl gefragt hat, wann es IHN SELBST ereilt? 2016, gefährliches Jahr für Ikonen. Was ist da los in der Raum-Zeit-Parallelmatrix?

Wir wähnen uns, was das Leben/Tod-Dilemma angeht, noch einigermaßen safe, erklären wir dem Berner Publikum, das unerwartet zahlreich erschienen ist, den Raum nahezu füllt, was keiner von uns auf dem Schirm hatte - und räumen wieder ab. Die handwerklichen Kinken des Vorabends leiste ich mir heute nicht, der Arm tut noch döller weh als gestern, und die Stimme ist angegriffen, aber ich kriege es wieder gut hin, damit zu ARBEITEN, Kraft zu dosieren, an den richtigen Stellen 'bißchen was rauszunehmen, und am Ende eines umjubelten Auftritts spielen sie "Waldmenschen", eins meiner zentralen EA80-Lieblingsstücke. Sehr, sehr zufrieden, ich, und das kommt auf ganzer Linie eher selten vor. Einzig unsere Versuche, bei der einheimischen Bevölkerung mit sprachlichen Bonmots zu punkten, laufen ins Leere: Auf Jochens Neologismus "Spätzündli" in der Anmoderation zu "Gebumst" reagiert kaum jemand, und mein pflichtschuldigst untergerbrachtes "In den See, in den See, mit einem Gewicht an den Füßen!" verhallt spurlos. Später wird uns Matze Koch erklären, daß die Deutschen halt immer glauben, man müßte nur wie Emil Steinberger dialekteln, dann würde das schon gehen; aber das wäre eben ein Irrtum. Wie auch immer: Dank Gädes furchtloser Animation gab es heute sogar insulare Mitklatscher_innen bei "Teufel Geld", "Rockpalast"-ÖH-ÖHÖHÖ-HÖ!-Chöre sowieso, und ich hatte meinen Ace-Frehley-Moment, als ich von der Bühne aus MITTENDRIN Einem zuzwinkerte und auf ihn zeigte , der im gläsernen Treppenhaus vis-à-vis angetörnt mit den Armen in die Luft haute. Ace Frehley hat in solchen Momenten wahrscheinlich immer nur auf die Halluzination gezeigt, die gerade vor seinen Augen rumwaberte und nicht auf echte Menschen, aber das is ja hier auch'n Punkkonzert.

Obwohl es eine Künstlerwohnung unterm Dachjuchee der Reitschule gibt, klappt es mal wieder nicht mit dem Frühzubettgehen: Gespräche mit dem freundlichen VoKuHiLa-Mitarbeiter, einem charmant angetüdelten Fan und unserer reizenden Bezugsbetreuerin Kati, dann noch Ingwerschnappes, und als wir schon im Frotteeanzug auf den Stockbettmatratzen sitzen, lasse ich noch ein paar Prince-Songs durch den Bose-Soundbrick laufen. Stulle sagt: "Man möchte nicht, daß es aufhört", meint damit aber nicht Herrn Nelsons Leben, sondern Abende wie diesen. Ich muß an Trio denken, an Stephan Remmlers Ansage zu "Du, ich wär so gern bei dir" auf meinem alten Tape mit dem Auftritt im "Onkel Pö", 1981: "Drogen nehmen zum Wachbleiben, Drogen nehmen zum Wiedereinschlafen". Als das Licht schon aus ist und Jochen längst den Riemen auf die Orgel seines Einmannsägewerks gelegt hat, fange ich noch an, meine Gedanken zu Prince ins Handy zu häcken.

Auf Anregung von Matze Koch fahren wir am nächsten Morgen ein paar Kilometer aus Bern raus, um seine Bekannte Fabia in ihrem Haus auf dem Land zu besuchen. Vorher Blümchen kaufen in Worb. Stulle & ich entschließen uns, farbenfrohe Holzkühe mit Glocken um den Hals für die Lieben daheim mitzunehmen, und der Ladeninhaber erläutert uns, daß es sich hierbei um Para-Merch eines "...Rockstars..." aus der Gegend handele, dessen bekanntester Song "Immer Müh' mit die Küh'" sei. Eine Kuh macht Muh, viele Kühe machen Mühe, schon klar. Vielleicht ein hiesiges Pendant zu Matthias Stührwohldt, einem Bauern aus meiner Gegend, und seinen kultigen Döntjes auf Platt (die ich nie gelesen habe).

Der Besuch in Fabias Haus aus dem 18. Jahrhundert, das anteilig ein Museum für buchstäblich Hunderte von Steiff-Tieren aller Größen und Arten sowie jeder Menge hottem Shit aus alter Zeit ist, steigt rasant zu einem der Höhepunkte unserer kleinen Reise auf: Bei warmem Wetter mit schlierigem Alpenblick auf dem Balkon frühstücken! Idylle, schling deine Arme um uns! Jeden Moment müssen Heidi und Ziegenpeter um die Ecke kommen. Stulle macht eine Connection für den nächsten Urlaub klar, dann schnell 'paar Bandfotos vor Schweizer Panorama und wieder nach Bern, wo es in ein Musikalienfachgeschäft gehen soll. Eine Stunde Aufenthalt, davon 35 Minuten Zielorts- und Parkplatzsuche. Ich trinke lieber ein Schümli auf dem Trottoir, Stulle bekommt keinen preisgünstigen Koffer für seinen Baß, und ob Matze Koch Gitarren getestet hat, die er sich sowieso nicht leisten kann, was dem Verkäufer auch klar ist, aber er muß ja höflich bleiben, entzieht sich meiner Kenntnis. Wir tauschen unseren Schinken Schweizer Franken in einen Schinken Euros. Die Pfennigwährung heißt hier übrigens "Rappen", ich hatte im Scherz sowie under the influence of Entenhausen auf "Kreuzer" getippt, lag also unterm Strichli gar nicht so falsch. "Grossi Schnurä, nüt drhinger" heißen wir, letzte Anmerkung, in Bärndütsch. Nächstes Mal (und es ist gar nicht so unplausibel, daß es ein nächstes Mal geben wird) haue ich das fehlerfrei raus, bevor wir loslegen.

Ich erinnere mich ans Touren mit Raue Zellen, Ende der 90er. Da mußte man vor der Grenze immer noch die ganzen Homöo-Fermente wegverkasematuckeln. Heute fahren wir einfach rüber, herrlich, Vogesen, Schwarzwald, Europapark Rust, Freiburg, Innenstandt, Great Räng Teng Teng. Schon wieder ein paar Jährchen her, daß wir hier waren. Ich weiß noch, daß es...joa, ganz okay war und daß ich im Schlußchorus von "Alles so passiert" Dankesworte an die Menschen von Karlsruhe richtete, wo wir am Vortag gespielt hatten. Und das war Tag 2 der Tour. Peinlicher Schnee von gestern. Und immer was Neues. Französische Promoprosa, hatten wir auch noch nie: "Un hurleur punk nordique et grognon, une basse punk/wave hyperactive, des séquences synthétiques électro, une guitare tantôt déplumée tantôt volumineuse, de la ballade indie à l'hymne punk. De la musique à dimension charmante, autant par les textes âpres que par l'aura étrange du groupe." Wie das? Der Gig heute Abend bei Torpedo-Tom inner Westernbutze ist Teil eines 2- oder 3-Länder-Festival-Joint-Ventures, hab ich nicht ganz verstanden. Aber aha. Tom hat eine französische Praktikantin dabei, und unser Support "KG" kommt ebenfalls von da. Sein gleichpseudonymiger Frontmann geht als Mischung aus Sammy Hagar und Gérard Depardieu durch (im Verhältnis 70:30) und ist des Deutschen mächtig. Soviel zu sagen haben wir uns nicht, daß der Bassist ungefragt Stulles Gelumpe benutzt, vergrätzt uns moderat, spät angefangen, langes Set, aber beim Abschied geht es sehr freundlich zu. Shoegaze mit elektronischen Schwangerschaftsstreifen in 3 Sprachen, nicht unser Ding aber ohne Frage unique.

"Enchanté, nous sommes KEINE ZÄHNE IM MAUL MAIS LA PALOMA PFEIFEN, une groupe du Punk", greife ich den in Freiburg auf die Welt gekommenen Faden auf; und auch wenn wir Stein+Bein geschworen hätten, daß es heute Abend mindestens irgendwie komisch werden würde, kommt wieder ein super Auftritt dabei raus. Voller Laden, warmes Willkommen, enthusiastische Resonanz und Zugaben! Direkt im Anschluß Disco mit passender Musik aus dem UK, als Erstes "Eat Yourself Fitter" von THE FALL, schon wieder ein Moment der Freude für mich. Es gibt echt Schlimmeres, als sich vollgeölt und strahlig nach dem letzten Ton irgendwo in Bühnennähe auf den Beinen zu halten, und einer spielt Musik, die du magst. Wally aus'm "White Rabbit" ist auch gekommen, was uns freut. Meldet sich mit "Häschen", wenn jemand anruft, und will nach Berlin, um da mit seiner Band was zu reißen. Wir werden von ihm hören, das ist so sicher wie die Pentatonik beim Blues-Frühschoppen.

Es bleibt VOLL im RängTengTeng. Das Publikum ist schon zu 40% ausgetauscht, Viele besoffen und wegen was Anderem hier. Matze Koch mobilisiert Fans, uns beim Hochschleppen des Mobiliars zu helfen. Vor dem Konzert koberte er auf der Grünwälderstraße ahnungslose Passanten in diesen gänzlich sauerstofflosen Keller. Guter Mann, ich sagte das schon. Indessen verliert Lars auf einem abgelegenen Parkplatz die Nerven, weil er den Bus nicht ankriegt. Matze Koch coacht ihn per Telefon wie der x-beliebige Tower-Crack in einem dieser Ami-Spielfilme aus den 70ern, wo der Käpt'n der vollgemenschten 747 einem Herzkasper erliegt und Oma Pacholke aus Wisconsin an den Knüppel muß. 10 Minuten später ist Stulle da, und wir laden ein. "Habt ihr einen dunklen Koffer mit eingepackt?" fragt uns Jochen. Nein, haben wir nicht. "OK, der gehört uns nämlich auch nicht."
Auf dem Weg zum "Walfisch", wo sie uns letztes Mal kein Frühstück gemacht hatten, breche ich eine Familienpackung Verkehrsregeln und koste Gäde ein paar Monate seines Lebens. Bißchen manisch, ich, Resultat aus Höhenflug und Übermüdung. Irgendwann lande ich wieder mit Matze Koch im Doppelbett. Vorher dämmert mir noch, daß ich meine Martens im RängTengTeng unterm Flipper habe stehen lassen. Simse an Tom, Ohrproppen in die Gummel, Oblivion.

Unmittelbar nach dem Aufwachen erzählt mir Jochen, er habe geträumt, der dunkle Koffer gehöre den Franzosen, wir hätten ihn versehentlich eingepackt und uns mit seinen Besitzern in der Alten Meierei zur Übergabe verabredet. Warum träumt der sowas? Auf dem Kirchheimer Dreieck erreiche ich Tom telefonisch: Er hat die Schuhe schon in Sicherheit gebracht, und der dunkle Koffer gehört tatsächlich den Franzosen. Ergo: Gäde hat das Zweite Gesicht, worum wir aber nicht viel Aufhebens machen.

Dieses Mal GIBT es Frühstück im "Walfisch". Ich schaue mir mit Tränen in den Klüsen Princes Performance bei strömendem Regen während des 2007er Superbowl an. Nachhausefahren dauert einen Tag. 2200 Kilometer in ungefähr 82 Stunden, eine Blechbüchse voll Penunnsen, jede Menge erinnerungswürdiger Erlebnisse und gute Gefühle im Bauch. Als nächstes Erfurt und Wendland. Es ist ein gutes Leben.

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