Bremen, 13.07.2016

Die Schiebetür vom Combo-Bulli slidet neuerdings durch die Führungsschiene wie durch Butter, und wundersamerweise hat sich der Car-CD-Player von selbst repariert, so daß Matze Kochs Gezappe durch die Indierock-Dateien seines USB-Sticks zumindest abschnittweise unterbleibt. Matze is ja eher so'n Song-Typ, ich hingegen kann nur in Alben denken und bin da auf der Handlungsebene in den letzten Jahren immer zwanghafter geworden. Ich empfinde Mitleid gegenüber nicht gehörten Stücken auf einem Album, daß ich nicht ganz durchgekriegt habe, weil die Autofahrt zuende war oder sonst Irgendwas den Prozeß unterbrach. Komme ich heim und bin noch mitten im Song, warte ich im Carport und mache das Radio erst aus, wenn er vorbei ist. An manchen Tagen betreibe ich Restehören und arbeite mich dabei durch halbe und Drittel-CDs. Versuche ich, meiner Liebsten bestimmte Bands ans Herz zu legen, indem ich ihr einzelne Songs vor-, wenigstens anspiele, erwächst daraus die unbedingte Notwendigkeit, zeitnah nochmal das gesamte Album laufen zu lassen, natürlich abzüglich des (im Extremfall) einen, ihr vorgespielten Liedes. Und das Ganze dann auch noch formatgebunden. Die einzigen Momente, an denen dieses System aussetzt, sind die Vorabende der Tage, für die ich mir vorgenommen habe, teilweise mein Leben zu ändern (was bisher nicht geklappt hat). Im Bus Gespräche Austausch über die Sendung, die vorgestern Abend im WDR lief, über die Anfänge der deutschen Punkszene in Düsseldorf, Ratinger Hof und so. Peter Hein als herausragende Figur, da sind sich alle einig. Und Campino als Fremdkörper, der aber immerhin die Größe hat, zu sagen, daß er Texte wie die von Hein seinen Lebtag nicht zuwege bringen wird. Dazu läuft "Paul ist tot", und ich beschließe, mir jetzt endlich mal die "Monarchie und Alltag" zu kaufen, möglichst die alte Version, denn vom 2000 erschienenen Remaster wird allenthalben abgeraten.

 

Die Breminale is, um es (zu) kurz zu machen, Kieler Woche minus Ostsee und schnarchigem Segelgeballer, dafür plus Weser und signifikant besserem Kulturniveau, und das schreibe ich nicht, weil WIR da heute spielen; auch nicht, weil ich etwa 1000 Sachen gesehen habe, denn wir kommen natürlich wieder den ganzen Abend nicht aus dem Backstage-Universum (Wohnwagen!) und seinem unmittelbaren Outer Rim raus. Aber ein Blick auf www.breminale.de sollte genügen, um eine Ahnung zu bekommen, daß da für Musikinteressierte ´n Ticken mehr bei is als beispielsweise...Lotto King Karl. Und als es Abend wird über'm "Flutbühne"-Zelt, der Weserdeich sich mit Im-Gras-sitz-Publikum füllt und eigentlich schon sowas wie eine Festivalatmosphäre aufkommt, fühle ich mich sauwohl. Überhaupt gibt es rein gar nichts zu mäkeln heute: Soundcheck läuft super, die Bühne ist riesig, die Ersten bleiben schon stehen und kucken und wundern sich, ich treffe Wes Si und Enn Beh, mit denen ich seit Jahren nicht persönlich gesprochen habe. Dem Kontaktangebot eines mich siezenden sternhagelvollen Deutschlandkäppiträgers, der, linguistisch schon mächtig angeschlagen, ansetzt, er habe in der Ostzone Musik studiert, Schlagzeug, Schlager, ALLES (lall), entziehe ich mich allerdings umgehend. Warum is man eigentlich immer wieder Magnet für solche Gesellen? Riechen die, daß ich in der Psychiatrie arbeite? Unmittelbar vor'm Gig, ich stehe schon stimmend auf der Bühne, kommt er wieder an und nöhlt, durchdrungen vom Gefühl gerechtfertigter Empörung: "HamseJETZmadreiMinuhnZeitfürmich!?" Später wird er Matze Koch mitteilen, daß er mich unsympathisch findet. Ein gemischtgeschlechtliches Ansager_innenduo macht noch ein paar Sätze lang Werbung in eigener Sache (nicht mitgeschnitten, welche Sache das nun war), danach ist das Zelt gut voll und wir spielen eins der besseren Sets unserer Laufbahn. Daran kann auch die Tatsache nichts ändern, daß ich das Publikum (Fan_innen und Laufkundschaft, die bleibt), mittendrin mal mit "...,ihr Wichser" anspreche, was mir im gleichen Moment peinlich ist, WAS ich dann aber auch gleich SO kommuniziere. Authentisch bis untern Kragen. Trotzdem in solchen Momenten immer wieder das Gefühl, ECHT AUFPASSEN zu müssen. Bei irgendeinem Stück schaue ich von der Gitarre hoch und blicke direkt auf ein großes KüMo, das gerade vorbeituckert. "Kümo Henriette", schießt es mir durch den Kopf, und sofort vergrütze ich mich. Bei "Akkorde ermorden" versaut mir das Patchkabel zwischen Bigmuff und restlichem Streßbrett den Spaß (Das ist jedenfalls mein Verdacht, muß ich nochmal eruieren..), aber das ganze nabelschauende Technikgesabbel soll heute mal draußen vor bleiben. Geiler Auftritt! Wir kriegen unser komplettes Programm durch, inklusive "HalloLebenAus", werden gefeiert wie die Chippendales, und ich denk´: "Alter, weit gebracht, so'n Slot zu spielen und die Leute mit 'ner Nummer über 'ne Fehlgeburt zum Dancen zu bringen..." - Das soll sich gar nicht eingebildet lesen, es gibt halt Momente, in denen erfüllt mich dieses Projekt mit Stolz. Auch wenn ich sonst meistens an allem Möglichen was auszusetzen, zu relativieren, zu bagatellisieren undsoweiter habe.

 

Hinterher hochgradig amüsanter und herzlicher Talk mit Rudolf Müller, dessen großartige GRUPPE 80 leider über die Weser ist; langes in-depth-Gespräch mit Sebastian Herde, das gegen Ende in eine Gruppendiskussion über AC/DC einmündet: "Let There Be Rock" und "Powerage" sind nach mehr/weniger einhelliger Meinung Aller die besten Platten, und ich setze mich ein wenig in die Nesseln, indem ich "Back In Black" über "Highway To Hell" stelle. Dann muß es losgehen, und weil unten alles voller Leute ist, schleppen wir unser Gelumpe wie kleptomanische "Walking Dead"-Zombies torkelnd und keuchend den Deich hoch. Matze Koch hatte ein Bier zuviel, und da die gerade zart erblühende Manager-Karriere nicht enden soll, bevor sie begonnen hat, "wir" außerdem Kinder haben (wie JOCHEN ergänzt), lassen sie mich an die Hebel. Auf der A1 kriege ich die komplette "Viva La Nix" von EISENPIMMEL (hochgradig aus den Nähten platzendes Mammutwerk, einsam- und alleinstehend in der deutschsprachigen Punkrock-Landschaft!) durchgelauscht und niemand bittet mich, die Scheiße auszumachen.

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