Buchholz in der Nordheide, 19.08.2016

Rein in den Wald, die Kiste knarzt und quietscht, und hoffen, daß sich einem keine Hardwarestange von hinten in die Gurgel bohrt. Leben aufem Überholfeldweg. Die Waldinselbühne (www.waldinselbuehne.de) ist eine Lichtung in einem Ge- direkt neben Buchhölz. Einmal rumpeln wir dran vorbei, umkehren, nochmal ansetzen, dann finden wir's, und Kim, dessen Wohnzimmer das hier quasi ist, empfängt uns herzlich. Schön, hier zu sein. Aufbereitete Kadetthälften, Bauwagentresen mit White Russian (leider schon ausverkauft, als ich so weit bin), Sitzecken auf dem Rasen und ein Rudel Schwimmhautvögel (Hallo, die Enten!) - bester Slot seit Langem.


Als ich meine 2x12er Marshall-Box aus dem Transportkarton klaube, den endlich zu entsorgen ich mich zu Stulles und Jochens gelegentlich gebrummeltem Mißfallen noch beharrlich weigere, sind da Schimmelflecken auf der Bespannung. Scheiß feuchter Ü-Raum. David, unser heutiger FOH, rät zu Essig und Schwamm, "...und das kommt dann auch nicht wieder." Kurz vor unserer Abreise werde ich beschließen, daß der Karton seinen letzten Furz geschissen hat, ihn unterm Gejubel der Anwesenden feierlich zerreißen (Public Inflation of the eigene banale Existenz, wir sind nämlich DOCH Rockstars!) und mich dann nicht trauen, ihn ins Lagerfeuer zu werfen. Neue Sachen sollen erstmal neu bleiben, aber irgendwann erhalten sie die Lizenz zum Abgewohntwerden in Matze Kochs dunkelblauem Bus.


Wir bauen unser Zeug auf, checken Sound und mischen uns unters eingeladene Volk. Knarf Rellöm ist da, und ich kann endlich mit ihm besprechen, wie das damals war, '87, beim Goldies-Konzert im Rendsburger JuZ, 10 Jahre nach '77, als er mich, der ich gerade alle 3 Refains von "Am Tag als Thomas Anders starb" fehlerfrei und total tuneful in Ted Gaiers Mikro geträllert hatte, in seinem blauen Trainingsanzug väterlich herablassend hieß, die Bühne zu verlassen. Ich gehöre zu den Menschen, die es schaffen, über solche Begebenheiten geschlagene 30 Jahre nachzudenken und Peinlichkeit zu empfinden, daher schließt sich an diesem Abend mal wieder so'n Kreis, ne?


Frank Z. von Abwärts treibt sich auch hier rum. "Oh, kommt Rod auch?" frage ich Kim 3/4 im Scherz, aber nö. Wir plaudern ein paar Sätze über alte Graue-Zellen-Zeiten, und Jochen räumt ein, daß die ihm immer zu politisch waren. Hm, mir natürlich auch, aber heute weiß ich, daß jene Jahre für mich in Dummsdorf aufgewachsenes CDU-Lehrerkind so 'ne Art politische Grundrenovierung, nein, -lagenlegung waren.


Vor uns spielen RJ SCHLAGSEITE & DIE STEREOTYPEN. Ich hoffe, daß ich Ralf Junker, den Songwriter, Gitarristen, Sänger und Smokingträger dieses Trios nicht beleidige, wenn ich an dieser Stelle bekunde: Das sind Songs, die Bela B. vielleicht gern schreiben würde, die ihm aber bisher nicht eingefallen sind. Ein Typ mit Haltung und Geschmack, der seine rote Semiakustik souverän bedient und nach in einer der lakonisch sevierten Ansagen zitierten Diagnose seines Arztes "...nur ein bißchen gestört ist...". Checkt es aus.


Für uns wird es dann einer der entspanntesten Gigs seit längerer Zeit, und den Leuten gefällt's. Einigen sogar SEHR. Platten bekritzeln, verlegen sein, Menschen kennenlernen. Während des Abbauens spielt David so ätherisches, kostenintensiv ausproduziertes Zeug, und ich frage, wer das sei. "Coldplay", lautet die Antwort. Scheiße. Später, nach "Jailbreak" (AC/DC in ihrer Rumbarasselphase) kommt völlig aus heiterem Himmel HUAH!s "Ohne Titel", das ich bisher nicht kannte. "Ist von der SCHEISS KAPITALISMUS", erklärt mir Knarf. Muß ich haben. Die Aftershow-Disse schlägt einen weiteren Haken, dicke Riddims bouncen durch die Deko. Ich hör's sowas eigentlich nicht mehr, freu' mich aber jedes Mal, wenn es irgendwo läuft. Kurzer Austausch mit Knarf über Dub im allgemeinen, On-U und Adrian Sherwood im Besonderen. Dann noch einen Cola-Whisky und ab in den nachtschwarzen Buchholzer Titty-Twister-Forst. Klasse Abend, oder wie RJ Schlagseites Arzt es ausdrücken würde: Man kann so leben

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