Köln/Kassel, 09./10/11.09.2016

Wir harr'n, harr'n, harr'n auf der Stautobahn und kommen diesmal echt viel zu spät. Kaum außem Louie rausgekugelt, heißt es schon wieder "rabotti, rabotti": Gelumpe und Werbeartikel rein ins Venue die obligatorische "Wo-steht-der-Elektro"-Entscheidung treffen, demgemäß Schießbüdche und Radios auf der kleinen Eckbühne unterbringen, Hallo, die Enten. Marnix Dünkel, unser heutiger Front-of-Hüpfburg hat in seinem Leben schon so manchen Gudrun-Penndorf-Joke über sich ergehen lassen müssen, und auch ich werde ihn kurz vor'm Gig 1x für alt und neu "Verleihnix" heißen, ansonsten aber meiner ehernen Maxime, solchen Vorlagen nie mit dem Naheliegedsten und wenn doch, dann nur auf dem Meta-Floor zu begegnen, treu bleiben.

 

 

Viel erwähnenswerter ist sowieso, daß Marnix eigentlich mit zerschossenem Sprunggelenk und Keimbefall im Hospital langliegt, sich aber todesverachtend verdünnisiert hat. Schwester, machen se ma den Schlauch da raus, ich muß mischen. Jetzt storcht er auf Krücken vor der Bühne auf und ab, instruiert seine Compagnons & uns, wo die Strippen längslaufen und die Micken festgezwirbelt werden müssen. Nach der Show wird er 1 Bier trinken und Eine rauchen, sich ins Taxi biegen und zurück ins KH fahren. Eindeutig der Held des Tages. Leute kommen, gehen, laufen rum und stehen, wie's immer so ist, einer humpelt, und Jochen fragt: "Ham hier alle'n Beinproblem?" "Um der Wahrheit die Ehre zu geben", beginnt die Antwort und endet: "Ich bin amputiert." Schluck. "Oh, wußt' ich nich.." - Die Geschichte ist folgende: Als Jugendlicher Fußball bei Pauli gespielt, auf Fußballfahrt Blutvergiftung bekommen, Komplikationen, Bein ab, seitdem Rente vom Verein und seit einigen Jahren Chef vom "Limes", unserem slot of the day in Köln-Mülheim.

 

 

Kim Senger reist uns nach, seit wir auf seiner Lichtung bei Buchholz aufgetreten sind. Er erzählt, wie er mal Tourbegleitung für VORKRIEGSJUGEND gemacht hat, und als es am 3. Tag wieder vegan food gab, haben die sich'n Auto geklaut und sind damit zu Mäc gefahren. Genau wie Bart Simmons und ich früher bei Graue Zellen, nur ohne Auto klauen natürlich. Und als sie zurückkamen in ihrem geklauten Auto, hat Kim sie angebrüllt: "SEID IHR BESCHEUERT!? DAS IST ERST DER DRITTE TACH, WIR SOLLEN NOCH 10 TAGE UNTERWEGS SEIN! UND IHR MACHT HIER SO'N SCHEISS!" Als er die Story zum Besten gibt, bin ich gar nicht zugegen, weil ich nach 7 Stunden Schwitzbusgejuckel und anrempelintensivem Soundcheck unter Zeitpressure einen Rappel bekommen habe, erstmal allein sein muß und beim Inder ums Eck ein paar Stücke von einer Ente abknabbere.

 

 

Als ich zurückkomme, pulkt es schon vorm "Limes". Wird es Dörthe und Degenhardt Dämmfleisch gelingen, einen beim Soundcheck als extrem chaotisch empfundenen Bühnensound ein wenig zu richten? Nein. Alles ein einziger WOMPF. Ständig koppelt oder zerrt was, und ich erlebe zum 1. Mal, daß ich, abgesehen von diffusem HiHat-Gefizzle, mein eigenes Geklöppel eigentlich nicht höre. Gegen Ende zwingen wir die PA ein Mal für einige Sekunden in die Knie, danach wird es etwas besser. Bei "Halbe Stadt" kriege ich einen ca. 1sekündigen Parkinsonanfall, und mir fällt das Scheißplec runter; bin ich sofort wieder fuchsteufelswild und dorsche brüllend über die Bühne wie eine manische Hausfrau durch den Sommerschlußverkauf, um mir Jochens zu sichern, das gar nicht Seins IS, sondern AUCH MEINS. "Laß das mal die Profis machen", denke ich und knocke mir zur Beruhigung ein paar Mal das Shure SM58 gegen den Schädel. Kann sein, daß am Ende die PA sogar davon aussetzt, aber es tut der Sache sowieso alles keinen Abbruch. Energetisch ist dies eins unserer besten Konzerte. Jene wundersamen metaphysischen Austauschprozesse, über die von Hippiehausen bis Punkcity ständig geredet wird, bringen die Stimmung zum Kochen und machen es noch wärmer. Sogar Stulle, im normalen Leben Vollzeit-Trockenhäuter, ölt 1 Hemd durch. Ich tropfe noch 2 Std. nach Auftrittsende mein Schnuffeltuch voll. Auf der Hochebene im bordell-illuminierten Backstagebereich. Transpirationsprodukte, erkaltendes Vegancurry, Bierpups und verdunstende Cola generieren ein homy Aromy. Mein launiges Gutenachtgespräch mit Jochen geht peu á peu in einen seiner Schnarchmonologe über. Nebenan Kneipentrara, und die Tür vom Herren-WC macht bei jedem Zufallen SCHROMPF!, als gehöre sie zu Draculas Kühlkammer. Kölle Schlalaaf.

 

 

Sonnabendmorgen stehe ich strumpfmauke vor dem mit Punkrawk-Stickertapete blickdichtgepuzzelten Spiegel der "Limes"-Männertoilette, schäume mein Gesicht ein, suche nach dem Rasierer, finde ihn nicht, glaube wider besseres Wissen, ihn nicht mitgenommen zu haben, wasche mir den Schaum ab, finde den Rasierer und fange von vorn an. Indessen saugen sich meine Socken mit Urin voll. Matze Koch bellt wie ein gebeutelter Bernhardiner. Der-Club-am-Morgen-danach, das ist nichts für Menschen mit Neurasthenie, da muß man achtgeben, daß man nicht frühverbluest. DEUTLICH schöner finden wir's bei Obi Oberhofer im Obergeschoß in Deutz, wo wir endlich duschen & frühstücken dürfen. Er, unser Bezugspfleger-of-the-slot, erklärt uns, daß der Auftritt gestern auch für den Laden gut war, denn das/der "Limes" liegt op dä nach der gleichnamigen Konzertgruppe benannten "schäl Sick" Gevatter Rheins. Die potentielle Crowd wohnt in Ehrenfeld, um den "Sonic Ballroom" rum und bleibt da zumeist auch. Wir freuen uns extra, daß wg. uns Popelnasen so Viele rübergemacht haben. Obi hat 3 harte Wochen hinter sich, war aufem Dreh für "Eins, Zwei oder Drei", früher mit Michi Schanze, heute mit Elton. Und Kamerakind, immer noch. Talk about Raab und die Meyer-Landruth, die, je nach Meinung in unserer gemütlichen 5er-Runde, ausgesorgt hat oder nicht. Ausgesorgt haben WIR definitiv nicht, aber die fettigen Banknoten lassen Jochens Herrenhandtasche plauzig aussehen.

 

 

Wie immer, wenn wir in der Gegend sind, machen wir einen Abstecher zu "Music Store". Stulle kauft sich einen Billo-Koffer für seinen Baß, ich mir 2 Paar Stöcker, und dann bin ich schon wieder reizüberflutet. Überall klimpert's, zuppelt's, tutet's, oder es haut einer aufem Kachong rum, dem Percussion-Equivalent zur Blockflöte. Telefonieren mit der Liebsten, 3x kackt die Leitung ab, und ich brauche ewig für nix. Dann raus außem erlebnisgastronomisch überhöhten Hardschlock-Kaffetanten-Mucker-Elend. Jochen steckt mir noch, daß sie im Vintage-Salon 'ne 64er Fire-Bernd für 4799,-€€€ baumeln hatten, die frischer aussieht als mein 27 Jahre jüngerer, von TB halbseitig entkernter Hobel. Da hätte ich gern nochmal'n Auge riskiert, denn wenn das so weitergeht, piepentechnisch, schnei' ich aufem Rückweg nochmal rein und sage: "Komma hier, pack ma ein."

 

 

Wie der Blitz nach Kassel. Ich fahre, Matze Koch macht aufem Sozius Powerbubu. Letztes Mal, als wir hier waren, haben wir im "Haus" gegen total mindgeframe'te Rubbelbild-Punkpimmels gespielt, heute geht's in den "Schlachthof". Wieviele Städte gibt es eigentlich, in denen irgendwo ein Kulturzentrum namens "Schlachthof" ist? Gestern im Gaarden Kölns, heute in der Pumpe Kassels. Verhaltensunauffälliger Staff, funktionierende Bühnentechnik und der aufgeräumte Charme kommunalsubventionierter Gemeinwesenarbeit. Wer ständig was zu meckern hat und nicht weiß, wo er hingehört, wie ich, wünscht sich hier dann wieder etwas mehr Pank her oder Kunstkacke. Ja, auf Kunstkacke hätt' ich ma wieder Bock. Schon der Soundcheck unter der betont unaufgeregten Anleitung eines jungen Mannes namens Anatol ist ein Traum. Das exakte Gegenteil von gestern. Später beim Konzert wird uns Anatol so GUT klingen lassen, wie es vielleicht noch nie war, und dabei die ganze Zeit mit zufriedenem Lächeln wippen hinter seinem Pult. Geiler Typ. So einen müßte man mithaben.

Zwischendurch Telefonieren mit den Kindern.

 

 

"Naaa, seid ihr bei Oma?"
[...]
"Seid ihr bei OMAA?"
"Mja."
"Und is das schön da?"
"Ja."
"Was habt ihr gemacht, habt ihr gespielt? Habt ihr schon Milch getrunken?"
"Jaaaa."
"Schön! Geht's euch gut?"
[...]
"GEHT'S EUCH GUUT??"
[...]
"Papa."
KNACKFRRRTSCHTPOW!POW!..zzzzzKRCH!

 

 

Eigentlich sollten wir hier im Januar schon gespielt haben, aber den Gig krallte sich eine Spontanerkrankung, und für heute wurde leider kaum Werbung gemacht. Wir zögern raus, was wir können, und als wir um halb 10 anfangen, ist der Raum doch gut gefüllt. Wir spielen "Existenzen", und bei "DBDDHKP" passiert Jochen, der seit den Aufnahmen der "Biellmann-Pirouette" keine neuen Saiten aufgezogen haben will (was mir ECHT'n Rätsel ist, hat er infolge einer seltenen Genmutation keine Schweißdrüsen in den Griffelkuppen??) das, was ihm in 10 Jahren Bandgeschichte (in denen er also rein rechnerisch nicht öfter als 4-5x neue Aale auf die Plexigitze gemacht haben dürfte)...langer Satz...NOCH NIE, ZUMINDEST LIVE NOCH NIE PASSIERT IST: IHM REISST EINE SAITE! Cheap thrills'n'stringchange-fills, ich mach' Gäde den Guitar Tech, und er erzählt einen vom Zebra. Ziemlich viel Antiklimax dafür, daß wir erst 2 Songs durchhaben, aber wir kriegen die Wurst warm. Im Laufe des Sets gelingen uns ein paar herausragende Versions, "HalloLebenAus" haben wir z.B. vielleicht noch nie so auf den Punkt gekriegt wie heute (dito "Tu so" oder "Harem"). Anatol schickt Jochens Gesang im letzten heavy Drittel durch ein Delay, was die Abschiedsaufgewühltheit dieser Passage optimal unterstützt. Der Typ mischt nicht nur exzellent, er VERSTEHT auch noch. Ob der regionalen Nähe plaudere ich vor "Berg hoch" minimal Gin-Tonic-beschwipselt über meine Zeit in der Hardtwald-Klinik. Gibt Gelächter. Nicht ist besser als sich auf der Bühne sicher zu fühlen.

 

 

After the show neben Henning Henningsen, unserem Ex-Booker, der seine Artikulation zu etwa 60% unter Kontrolle hat, mit halbem Arsch auf einer Bank sitzen und sich über die Leben, die man so führt, austauschen. Ich bestelle 2 Gin Tonic (Henning, ich) und ein Cola-Rum (Gäde). Die Dame hinterm Tresen, ehemalige Lübeckerin, stellt mir 3 Drinks hin, deutet auf das Braune und erläutert: "Das ist der Cola-Rum". Danach runter mit dem Zeug und ab ins Hotel "Astoria", wo ich mir ein Doppelzimmer mit Matze Koch teile. Wir hören NEU! Two cool rock dicks listening to NEU!

 

 

Heute Morgen: Voll verpieftes Kurztelefonat mit Schnackipatzy, ersma Fenster auf, Dachgeschoß, alles voll sticky. Matze Koch tut so, als würde er noch schlafen. Alle sagen immer, Kassel wäre so HÄSSLICH, aber ich finde, es hat was. Gegenüber bimmelt beim Frühstück die Friedenskirche. Ich möchte bleiben, aber es geht schon wieder zum Einladen. Ich muß daran denken, noch Milch zu kaufen. Schüssi.

 

 

 

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